Leseprobe

Thank You for the Music

Das einleitende Kapitel von "Hast du Töne?"

Information ist nicht Wissen,
Wissen ist nicht Weisheit,
Weisheit ist nicht Wahrheit,
Wahrheit ist nicht Schönheit,
Schönheit ist nicht Liebe,
Liebe ist nicht Musik,
Musik ist das Beste.

Frank Zappa

Lieben Sie Musik? Es gibt wenige Menschen, die auf diese Frage mit «nein» antworten. Sind uns Leute, die mit Musik nichts anfangen können, nicht irgendwie suspekt? Müssen das nicht völlig gefühllose Sonderlinge sein? Musik mag irgendwie jeder, sie gehört zu unserem Alltag dazu. Für die einen ist sie Lebenszweck, für die anderen angenehme Begleiterscheinung. Oder eine Dauerberieselung – man schaue sich nur morgens in der U­-Bahn um: Ich schätze, dass mittlerweile mindestens die Hälfte der Fahrgäste mit Stöpseln im Ohr den Soundtrack zum eigenen Leben hört. Eine Welt ohne Musik kann sich kaum jemand vorstellen. Es würde etwas Entscheidendes fehlen.

Sind Sie musikalisch? Wenn man diese Frage Studenten stellt (die meisten psychologischen Studien werden an Studenten durchgeführt), dann antworten etwa 60 Prozent mit «nein». Stefan  Koelsch, der Hirnforscher von der Universität Sussex, der in diesem Buch noch mehrmals vorkommen wird, erzählte mir von einer typischen Reaktion seiner Probanden, wenn sie erfahren, dass es in einem Experiment um musikalische Fähigkeiten geht: «Die entschuldigen sich, dass sie vorher den Termin nicht abgesagt haben, weil sie ja völlig unmusikalisch seien und bei ihnen im Gehirn bestimmt nichts zu sehen sei.»

Und selbst die Forscher, die wissen, dass da sehr wohl etwas zu sehen ist, sind befangen, sobald es um ihre eigene Musikalität geht. Ich habe für die Recherche dieses Buches einige musikwissenschaftliche Konferenzen besucht, und dort kommt es oft vor, dass ein Referent während eines gelehrten Vortrags erzählt, wie er und sein Team Versuchspersonen mit Hilfe einer simplen Melodie getestet haben – und dann einen hochroten Kopf bekommt, wenn er diese kurze Melodie vorträllern soll. «Entschuldigung, ich bin ein schlechter Sänger» ist auch unter Musikforschern eine häufige Floskel.

Warum ist das Singen – oder das Musizieren allgemein – so sehr mit Ängsten besetzt? Warum empfinden wir es als so peinlich, dass die meisten ihre Hemmungen nur unter der Dusche oder unter dem Einfluss von Alkohol aufgeben? Es hat mit einem großen Vorurteil zu tun, das in unserer Kultur herrscht: dass Musikalität eine «Gabe» ist, über die nur wenige Ausnahmetalente verfügen. Dass man sie besser den Profis überlässt. Dass man eine musikalische Ausbildung als Kind beginnen muss und der erwachsene Mensch kein Instrument mehr erlernen kann. Dass in puncto Musik der größte Teil der Menschen zum Zuhören verurteilt ist. Alles das ist nicht wahr, behaupte ich. Und das ist nicht nur meine persönliche Meinung. In diesem Buch werde ich Belege dafür bringen, vor allem neue Erkenntnisse aus dem Gebiet der Hirnforschung, die zeigen: Musikalität ist eine menschliche Grundfähigkeit – wir alle besitzen sie. Wir werden mit einem universellen Faible für Musik geboren, das wir in unseren ersten Lebensjahren zu einem erstaunlich sensiblen Sinn für die Musik unserer jeweiligen Kultur ausbauen.

Auch der Laie, der selbst nicht musiziert, verfügt über verblüffende Fähigkeiten, deren er sich meistens nicht bewusst ist. In Radiosendern ist es ein beliebtes Quiz, den Hörern ultrakurze Ausschnitte aus bekannten Hits vorzuspielen. In diesen wenige Zehntelsekunden langen Clips hört man keine Melodie, kein Wort Text, sondern nur einen Klang – und trotzdem können wir solche Schnipsel identifizieren. Wenn man aufschlüsselt, was das Gehirn dabei leistet, dann kann man nur noch ehrfürchtig staunen. Nicht ein guter Hörsinn oder die Fingerfertigkeit auf einem Instrument machen Musikalität aus – die Musik spielt im Kopf. Unser Gehirn ist das eigentliche Musikorgan, über das jeder verfügt.

Bevor ich die wissenschaftlichen Belege dafür bringe, soll vorerst ein Vergleich genügen: Zu Recht bewundern wir großartige Sportler (zumindest die ungedopten), verehren die Fußballnationalmannschaft an ihren guten Tagen, sind fasziniert von schnellen Läufern, grazilen Turnerinnen und wendigen Skifahrern. Selbst mit viel Training werden wir nie an deren Leistungen heranreichen. Aber ist das ein Grund, sich beim Sport aufs passive Zuschauen vor dem Fernseher zu beschränken?

Natürlich nicht – im Gegenteil. Der Wimbledon­Sieg des 17­jährigen Boris Becker hat 1985 in Deutschland einen Tennis­Boom ausgelöst. In Sportvereinen kann man sich auf vielen Leistungsstufen betätigen, und selbstverständlich würde kein Arzt seinem vielleicht etwas fülligen Patienten sagen, er sei leider für den Sport ungeeignet, weil er nie eine Olympia­Medaille gewinnen könne. Im Gegenteil, gerade für die «Unsportlichen» ist die körperliche Betätigung lebenswichtig, schon einmal pro Woche ein bisschen zu joggen ist besser als gar nichts. Und kaum jemand von uns muss eine Schwellenangst überwinden, wenn er ein Sportgeschäft betritt – es wird kein Leistungsnachweis verlangt, bevor man sich ein paar schicke Sneakers zulegen darf.

Vor allem bezweifelt beim Sport niemand, dass jeder es mit Training zu einer gewissen persönlichen Leistung bringen kann. Die Männer, die in ihren Vierzigern anfangen, Marathon zu laufen, sind ja fast schon ein Klischee, auch ich habe einige in meinem Bekanntenkreis (die ich sehr dafür bewundere). Aber wer fängt in diesem Alter noch an, Klavier zu spielen? Da ist schnell der Spruch bei der Hand, dass Hans nimmermehr lernt, was Hänschen nicht gelernt hat. Und außerdem sei ja Musik vor allem eine Sache der Begabung. Man hat’s, oder man hat’s nicht, und leider haben es nur sehr wenige.

Es ist wohl kein Zufall, dass gerade Hirnforscher, die sich mit der Musikalität des Menschen beschäftigen, vehemente Gegner dieses Begabungs- und Geniekults sind. Stefan Koelsch hat ein ganzes Buch zu dem Thema geschrieben: Der soziale Umgang mit Fähigkeit, Untertitel: «Die geschlossene Gesellschaft und ihre Freunde». Das Wort «Begabung» benutzt er nur mit Anführungszeichen, es ist für ihn ein soziales Konstrukt. In Diskussionen werde ihm als Beispiel für ein Genie, dessen Fähigkeiten nur durch überragende Erbanlagen erklärbar seien, meistens Mozart genannt. «Auf die Frage, ob die Musik von Mozart denn zur Lieblingsmusik meines Gegenübers gehöre, wurde mir bisher immer mit ‹nein› geantwortet», schreibt Koelsch. «Warum halten diese Menschen Mozart für genial und nicht den Komponisten ihrer Lieblingsmusik? Ich halte Mozart nicht für genial und für keinen Deut mehr oder weniger musikalisch begabt als jeden anderen Menschen auch.» Mozart sei ein «exzellenter Handwerker» gewesen, der seit frühester Kindheit von seinem Vater gedrillt wurde.

Mir geht es nicht darum, die musikalischen Leistungen von Ausnahmemusikern in Abrede zu stellen. Auch ich bekomme Gänsehaut, wenn eine schwarze Gospelsängerin in Kirche einen Choral anstimmt oder wenn ein virtuoser Geiger seine Gefühle durch sein Instrument sprechen lässt. Ich finde es volkswirtschaftlich vertretbar, dass wir den Besten der Besten millionenteure musikalische Kathedralen bauen wie die geplante Hamburger Elbphilharmonie, auf deren Bühne nur die wenigsten Musiker je stehen werden. Der Geniekult würdigt aber nicht nur die Leistung Einzelner – er stellt gleichzeitig in Abrede, dass der Rest von uns «das Zeug» zum Künstler habe. Und das beschränkt sich nicht auf die sogenannte E­-Musik: Auch die Teilnehmer bei Deutschland sucht den Superstar müssen sich dem Urteil der Jury um Dieter Bohlen unterwerfen, die per Daumen hoch oder Daumen runter entscheidet, ob das geheimnisvolle Elixier, das einen zum «Star» macht, in den jugendlichen Kandidaten schlummert oder nicht.

Dabei ist die Auswahl der Kandidaten, die in der Show gezeigt werden, natürlich tendenziös. Wir sehen die Sänger mit den erstklassigen Stimmen, die dann auch später in der Endrunde sind, und die Loser, die Nobodys, die Freaks, die keinen Ton treffen, aber sich selbst für die Größten halten. Das Signal, das davon ausgehen soll: Auch du, lieber Zuschauer, gehörst entweder zu der einen oder zu der anderen Gruppe, höchstwahrscheinlich eher zu den Losern, also bleib auf deinem Sofa sitzen und schau dir unsere «Superstars» an. Bekäme man eine zufällige Auswahl der Kandidaten zu sehen, dann würde man wahrscheinlich feststellen, dass die meisten ganz passabel die Popsongs nachträllern, mit den richtigen Tönen. Ganz normale Stimmen eben. Doch das widerspräche der Dramaturgie der Sendung – und außerdem muss die Plattenbranche die Illusion aufrechterhalten, dass ihre Kunstprodukte es wegen ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten in die Charts geschafft haben und nicht etwa aufgrund des pfiffigen Marketings.

Dieses Buch soll eine Lanze brechen für die musikalischen Laien und Amateure, die in Chören singen, in Bands spielen oder in Laienorchestern. Sie treten auf Gemeinde- oder Straßenfesten auf, manchmal klingt es ein bisschen schief, aber oft auch sehr ergreifend. Sie werden nie einen Plattenvertrag bekommen oder viel Geld mit ihrer Kunst verdienen, doch dafür machen sie Erfahrungen, die nicht mit Geld zu bezahlen sind.

In früheren Jahrhunderten sind die Menschen anders mit Musik umgegangen. Die allfällige Beschallung durch Fernsehen und Radio, aber auch im Supermarkt und im Aufzug gab es nicht. Und Weltklassemusiker bekam der Normalsterbliche praktisch nie zu hören. Bei Festen spielten Musikanten auf, in der Kirche sang man Choräle. Regelrechte Konzerte, bei denen die Musik im Mittelpunkt steht und die Menschen gespannt zuhören, kamen erst auf, als es eigene Spielstätten dafür gab. Musik hörte man vor allem, wenn Laien sie machten: Das Kind ließ sich vom Schlaflied der Mutter beruhigen, zu besonderen Anlässen wie Weihnachten sang man zusammen tradierte Weisen. Musik hören und Musik machen gehörten noch viel mehr zusammen, als das heute der Fall ist.

Heute sind alle Menschen vor allem Musikhörexperten. Jeder von uns hat in seinem Leben mehr Musik gehört als Mozart, Bach und Beethoven zusammen. Quantitativ, aber auch qualitativ: Unser Ohr ist mit musikalischen Klängen aus fünf Jahrhunderten und fünf Erdteilen mehr oder weniger vertraut. Und im digitalen Zeitalter ist Musik verfügbarer denn je. Die Festplatte meines Computers zum Beispiel enthält aktuell rund 21.000 Songs, alle auf Knopfdruck verfügbar. Eine umsatzstarke Industrie sorgt dafür, dass jeder Winkel unseres Lebens beschallt wird, auch wenn die Umsätze in letzter Zeit ein bisschen schwächeln. Und eifersüchtig wachen die Verwertungsgesellschaften darüber, dass niemand Happy Birthday singt, ohne die fällige Abgabe an die Urheber zu bezahlen. Zur Beruhigung: Das gilt nur für die öffentliche Aufführung des Liedes.

Diese umfassende Erfahrung von Musik hinterlässt ihre Spuren im Gehirn. Das Musizieren sowieso, aber auch das reine Hören ist keineswegs ein passiver Prozess. Jedes musikalische Erlebnis verändert das Denkorgan, wir verinnerlichen Regeln darüber, wie Musik zu klingen hat, und entwickeln Erwartungen an neue, unbekannte Klänge. Nichts anderes machen wir, wenn wir Sprachen lernen: Ein Kleinkind findet diejenigen Ton- und Wortkombinationen irgendwann «richtig», die es am meisten hört – sie machen seine Muttersprache aus. Und wie wir beim Sprechen aufgrund solcher statistische Häufigkeiten einen Wortschatz und eine Grammatik lernen, so verinnerlichen wir auch musikalische Regeln. Welche das sind, davon handelt das Kapitel 7.

Solche Forschungsergebnisse lassen eigentlich nur einen Schluss zu: So, wie unser Gehirn in einem bestimmten Alter regelrecht wild darauf ist, eine Sprache zu lernen, scheint es auch süchtig nach Musik zu sein. Musik ist keine rein kulturelle Hervorbringung wie Stricken oder Briefmarkensammeln – Musik scheint dem Menschen innezuwohnen. Man weiß von keiner menschlichen Kultur, in der es keine Musik gibt oder gegeben hat. Wieso ist das so? Gibt es einen evolutionären Nutzen der Musik? Macht Musik uns «fitter» im darwinistischen Kampf ums Dasein?

In diesem Buch soll es um die Antworten gehen, die die Wissenschaft auf diese Fragen hat. Das stößt bei manchen Menschen, vor allem Musikern, auf Vorbehalte. Musik ist für sie eine derart ganzheitliche und auch weitgehend «unvernünftige» Erfahrung, dass man ihr Wesen mit dem kalten, rationalen Instrumentarium der Wissenschaft nicht erfassen könne. Der Musikforscher Daniel Levitin, der selbst in seinem Labor an der McGill­Universität in Montreal sehr detaillierte naturwissenschaftliche Studien betreibt, sieht diese Gefahr: «Vielleicht suchen wir nach einem großen Geheimnis, das niemals vollständig erklärt werden kann, einer dynamischen, schönen, mächtigen Schöpfung, die man versteht, während sie in Bewegung ist, die man aber niemals einfangen kann.» Er zitiert den Religionsphilosophen Alan Watts, der der Naturwissenschaft vorwarf, sie wolle einen Fluss studieren, indem sie eimerweise Wasser ans Ufer trage. Aber ein Eimer Wasser ist kein Fluss.

Levitin erzählt auch in einem Gespräch mit David Byrne, dem legendären Gründer der Talking Heads, wie er einmal mit der Sängerin Cher über seine Studien sprach. «Cher war entsetzt darüber, dass jemand etwas so Unerforschliches erforschen wollte.» Byrne antwortete: «Ausgerechnet die!» – womit er wohl auf die berechnende Art anspielte, mit der Hitmusik wie die des Kunstprodukts Cher produziert wird.

Jeder Musiker weiß entweder intuitiv oder rational, wie er beim Zuhörer die «emotionalen Knöpfe» drücken und tiefe Gefühlserlebnisse auslösen kann. Eine Sängerin muss ja nicht gerade selber ein katastrophales Trennungserlebnis hinter sich haben, um einen Song, in dem es um Verlust und Trennung geht, überzeugend zu interpretieren. Das hat sie mit anderen Künstlern gemein. Aber Musik ist wahrscheinlich die Kunst, die den unmittelbarsten Zugang zu unseren Gefühlen hat.

In dem Buch wird viel von Erkenntnissen der modernen Hirnforschung die Rede sein. Ich gehöre nicht zu denen, die glauben, dass die bunten Bilder aus den Hirnscannern uns alle Fragen über die Vorgänge in unserem Denkorgan beantworten können, erst recht nicht, wenn es um ein so vielschichtiges und subtiles Phänomen wie Musik geht. Wir sind weit davon entfernt, dem Menschen beim Denken und Fühlen zusehen zu können. Oft bestätigt der relativ grobe Blick unter die Schädeldecke nur Dinge, die wir vorher schon irgendwie gewusst haben.

Aber in den vergangenen Jahren haben Hirnforscher aufregende Erkenntnisse über Musik gewonnen – auch wenn sie dabei oft den erwähnten Eimer Wasser untersuchen, um den Fluss zu erklären. So sitzen zum Beispiel Testpersonen im Labor und hören sich isolierte Melodien an, die mechanisch und ausdruckslos von einem synthetischen Klavier gespielt werden. Und was für Melodien sind das? Genau: Happy Birthday, Mary Had A Little Lamb, Alle meine Entchen. Kann man mit solchen mageren Beispielen wirklich herausfinden, was in unserem Kopf beim Hören von Musik vor sich geht?

Die Antwort muss differenziert sein: Einige grundlegende Dinge kann man damit tatsächlich erkennen, komplexere Fragen lassen sich jedoch nur beantworten, wenn man lebensnahe Situationen untersucht. Die Wissenschaftler stehen bei der Erforschung unseres musikalischen Gehirns eben noch ganz am Anfang, und vielleicht ist das, was beim Musikhören oder ­machen in uns passiert, ja wirklich zu komplex, um jemals ganz erfasst zu werden. Spannend sind die vorläufigen Ergebnisse aber allemal.

Meine Überzeugung, dass die Forscher mit dem, was sie über die Musikalität herausfinden, auf dem richtigen Weg sind, kommt nicht nur von der Lektüre ihrer Studien und Statistiken, sondern aus meiner persönlichen Erfahrung mit Musik. Ich habe mein ganzes Leben lang musiziert, nie auf professionellem Niveau, immer als Amateur. Ich habe mit dem Klavierspielen angefangen und es nach zwei Jahren wieder aufgegeben, mir dann selbst die Begleitung des Beatles­Repertoires auf der Gitarre beigebracht, ein paar Jahre in einer Jazzband gespielt. Seit zehn Jahren singe ich intensiv, zurzeit in einer fünfköpfigen A-cappella-Band, mit der ich etwa einmal im Monat auf der Bühne stehe. Es ist einfach eine wunderbare Erfahrung, alle paar Wochen ein Publikum von 50 oder 150 Menschen mit der Musik zu begeistern, sie zum Jubeln oder zum Weinen zu bringen – und das nur mit fünf Stimmen und ein bisschen Verstärkertechnik.

Ich bin inzwischen auch ganz froh darüber, dass das Schicksal mich nicht auf die Laufbahn eines Berufsmusikers gedrängt hat – die haben nämlich, egal in welchem Genre, einen Knochenjob, von dessen Beschwerlichkeiten der Konzertbesucher wenig mitbekommt. Eckart Altenmüller, Musikermediziner an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, sieht die gestressten Künstler täglich in seiner Praxis. «Angst ist die dominierende Emotion bei Profimusikern», sagte mir Altenmüller. «Ich bin heilfroh, dass meine drei Kinder keine Berufsmusiker werden wollen!»

Sicher ist es ein Erlebnis, die Aufführung eines hochkarätigen Orchesters in einer perfekten Akustik zu genießen, ebenso wie ein Champions­League­Spiel in einem großen Stadion, dessen Rasen mit der Nagelschere getrimmt wird. Aber auch ein Kreisklassenspiel auf holprigem Aschenplatz hat seine Qualitäten, und vor allem kann es die Spitze nur geben, weil die Breite existiert. Verängstigte und gestresste Profi­-Musiker auf der einen Seite, von musikalischen Minderwertigkeitsgefühlen geplagte Laien auf der anderen – dazwischen ist noch eine Menge Platz. Für mich, für Sie und für alle, die Musik einfach nur lieben.